Brainstorming über Terror, Attentat, Amok

Der Terror rückt immer näher. Wir hatten es in letzter Zeit mit einer Reihe von Selbstmordattentaten und Amokläufen in den Zentren der europäischen Großmächte zu tun, welche die Gemüter der bürgerlichen Politiker und dominierenden Medien erhitzt haben, aber auch den völkischen Protestbewegungen und rechtslastigen Parteien Stoff gegeben haben. Nicht selten ist die Rede von „feigen, blindwütigen, barbarischen Akten“. Sind diese zugeschriebenen Attribute auch zutreffend? Darüber möchte ich in diesem Thread einen freien Gedankenaustausch anregen. Ich selbst habe noch kein genaues Konzept, aber einiges schwebt mir schon im Hinterkopf:

  • die historischen Wurzeln des erweiterten Nahost-Konflikts
  • die Hegemonialansprüche der imperialistischen Mächte
  • die Rolle der wichtigsten Kraftstoffe „Erdöl, Erdgas“ bis heute
  • die Bedeutung des Islams für den eurasischen Terrorkrieg
  • die soziale Bindungsfunktion der antikapitalistischen Religion
  • der Stellenwert von Staat, Gemeinschaft, Familie in Arabien
  • der Terrorismus als Kampf für eine gerechte Sache und
    als panislamistisches Staatsgründungsprojekt

Kurzum: Worin besteht der ideologische Gehalt der praktischen Kritik an der „westlichen Hochkultur“ in Form des Terrors? Was hat es auf sich mit dem nimmer endend wollenden Krieg „Abendland gegen Morgenland“? Trifft hier einfach nur die neue Welt der Aufklärung auf eine überholte Welt des Glaubens?

PS: Da ich kaum noch zum Lesen komme, muss ich mich in die Materie erst wieder reinfinden. Teilweise habe ich den Überblick verloren und es ergeht mir wie in diesem Video:

Switch – Krise in Lampukistan


6 Antworten auf „Brainstorming über Terror, Attentat, Amok“


  1. 1 Pauli 04. September 2016 um 13:59 Uhr

    In den vergangenen Monaten überhäufen uns die Meldungen über das Vorrücken und das Zurückdrängen der Terrormilizen. Der IS (vormals ISIS für Islamischer Staat im Irak und in Syrien) ist Nachfolger von AlQuaida. Der Antiterrorkrieg nach 9/11 kommt mir vor wie der Kampf gegen das Ungeheuer „Hydra“, der vielköpfigen Schlange, der zwei Köpfe nachwachsen, sobald man ihr einen abgeschlagen hat (am Ende der Sage wurde das Ungeheuer doch besiegt). Kaum einer hat noch einen Durchblick, wer wen unterbuttern will und wer wo mitmischt. Hier ein Schaubild des US-Nachrichtensenders CNN über die aktuelle Mächtekonstellation:

    Was aussieht wie ein Schnittmuster ist keinesfalls eine Karikatur des Imperialismus, es ist viel schlimmer, die nüchterne Veranschaulichung eines riesigen, unübersichtlichen Kriegsschauplatzes im Orient. Hier wird ein Stellvertreterkrieg der Großmächte ausgetragen – nicht erst seit gestern – der uns noch über Jahrzehnte verfolgen wird. Begonnen hat das Dilemma mit der glorreichen Idee, inmitten der arabischen (islamischen) Welt einen Judenstaat zu gründen, was den bescheuerten Reflex hervor rief, einen arabischen Staat formieren zu wollen (Panislamismus) und in Anbetracht der Übermacht der Bündnispartner Israels (dem westlichen Kettenhund) zur Intifada und schließlich zum Dschihad führte.

  2. 2 Anonym 04. September 2016 um 18:37 Uhr

    In deiner Übersicht fehlt ein ganzer historischer Strang:

    Die Zerstörung / den Zerfall des osmanischen Reiches zum Beginn des 20.Jahrhunderts nutzten die europäischen Kolonialmächte, um in der Region ihre Einflusssphären festzulegen, was wiederum a) in Nahost in den 20ern und 30ern zu gleichzeitigen Versprechungen an Araber und Juden führte zwecks Errichtung eines entsprechenden Nationalstaates, sowie b) in sonstigen Ländern in den 50ern und 60ern zur Errichtung antikolonialistischer Erhebungen, oft von nationalistischen Militärs gegen Königsdynastien, oft mit dem Segen bzw. der Unterstütung der SU [später auch mal eher selten der USA, der es allerdings noch später im Regelfall gelang, die arabischen neuen Staaten „besser“ zu benutzen bzw. zu alimentieren als die Russen, weswegen Ägypten einen völligen Kurswechsel Richtung USA hinlegte]. Viele dieser Offiziere kostümierten sich gerne „arabisch“ oder „panarabisch“, und deuteten sich selber als auf einem „dritten Weg“ zwischen Ost und West.
    Inhaltlich waren die Reformprogramme dieser Offiziere oftmals explizit gegen dortige islamische Bewegungen oder gar AlQuaida ausgerichtet; dies war auch bei Husseins Irak und Gaddafis Libyen der Fall, was den Westen (spez. Bush) mit seiner Anti-AlQuaida-Kriegspropaganda gegen Irak und Libyen aber völlig wurschtegal war.

    Bundeszentrale für politische Bildung – Panarabismus

    (Obige Quelle stammt von 2008, weswegen dort auch noch Libyen als Anhänger des Panarabismus bezeichnet wird, was allerdings so auch für Gaddafi 2008 gar nicht mehr zutraf.)

    Wie die USA in Afghanistan, Irak und Palästima den Islamismus als Bewegung hervorgerufen und unterstützt haben, um damit sonstige Bewegungen vor Ort zu zerstören, das ist ja nach wie vor ihre Tour, wie sie den Islamismus erzeugt und genährt haben.
    Und es immer noch tun.
    Wobei sie inzwischen von diversesten Mittätern unterstützt werden.

  3. 3 Anonym 05. September 2016 um 18:25 Uhr
  4. 4 Pauli 05. September 2016 um 20:27 Uhr

    Mein Beitrag sollte nur ein Auftakt sein für die gestellten Fragen, keineswegs ein Resümee – Brainstorming halt. Und deine Anmerkungen und Verlinkungen, die ich bislang nur überflogen habe, sind dafür sicherlich hilfreich.

    Die USA hat sich immer wieder Freunde aufgebaut haben, die dann zu Feinden wurden; angefangen in Afghanistan mit der Aufrüstung der Mudschahedin im Aufstand gegen die sowjetische Intervention in den frühen 80ern. Als die heiligen Krieger schließlich realisierten, dass sie nur die nützlichen Idioten im kalten Krieg abgegeben und für sich selbst nichts erreicht hatten, trat die „Ernüchterung“ ein. Osama bin Laden störte sich am unerträglichen Schicksal der Palästinenser und überhaupt an dem amerikanischen Einfluss in der arabischen Welt und sagte der Weltmacht den Kampf an: Al-Qaida war geboren!

    Brainstorming…

  5. 5 Fix & Foxi 25. September 2016 um 15:10 Uhr

    Meine nächste Überlegung ist: Warum erhitzt der Islam derartig die Gemüter? Er gehört zu den fünf großen Weltreligionen. Religiosität gilt bis heute als eine durchaus nützliche Übung zur Herausbildung des Untertanengeistes. Somit müsste doch auch der Islam zum brauchbaren Überbau zählen. Im Prinzip tut er das auch. Die Frage ist nur, ob seine Kirche diesen Auftrag der geistigen Erbauung im Sinne der Mainstream-Leitbilder erfüllt. Die Imame (Vorsteher) werden aufgefordert, ihre Gemeinde nicht gegen die westliche Lebensart aufzuhetzen oder gar zu Vergeltungstaten anzustacheln wegen der NATO-Interventionen im Nahen Osten. Sie sollen ihre Mitglieder statt auf Glaubenskrieg und Rache lieber einschwören auf Toleranz und Vergebung. Wie aus Funk und Presse zu vernehmen ist, halten sie sich hierzulande nicht durchweg an diese Vorgabe. In manchen europäischen Moscheen wird rege Propaganda für den islamischen Gottesstaat betrieben. Jugendliche werden für Attentate akquiriert.

    Mal abgesehen von der Instrumentalisierung des Islams für den andauernden Terrorkrieg, stellt sich die Frage, ob die uns vertrauten Religionen im Kern tatsächlich so verschieden sind. Islam, Juden- und Christentum sind monotheistisch: „Du sollst keine Götter neben mir haben“ – das 1. Gebot, eine Abwendung von den beinahe menschlichen (Halb-)Göttern der antiken Mythologien und Naturreligionen. Von den Weltreligionen betreiben nur zwei eine aktive Missionierung: das Christentum und der Islam. Die der Christen war bekanntlich in der Vergangenheit nicht durchweg friedlich, wie uns die Geschichtsschreibung über die Kreuzzüge (die Glaubenskriege gingen also vom Abendland aus) und die heilige Inquisition gelehrt hat. Selbst der Messias Jesus von Nazareth, der mit seiner Bergpredigt Aussöhnung ohne Ende stiften wollte, soll verkündet haben: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert. (Matthäus, bei Lukas heißt es „Zwietracht“).

    Die christliche Kirche hat sich mit der Säkularisierung des Staats (Verweltlichung) weitgehend abgefunden. Fundamentalistische Strömungen kennt sie nach wie vor, insbesondere in den USA. Da gibt’s die Zeugen Jehovas, die Mormonen, die Amische und die Hutterer. Sie üben mit ihrem Urchristentum – der Güterteilung und dem bescheidenen Leben – eine praktische Kritik am Kapitalismus, aber sie bleiben unter sich, leben isoliert und werden daher geduldet. Was nicht heißen soll, dass sie durchweg nach der Devise handeln: Leben und leben lassen. Immer wieder protestieren christliche Glaubensfanatiker heftig gegen Homo-Ehen und Abtreibungen, aber sie bewegen sich damit auf demokratischen Boden. Entgegen den militanten Aktionen des Ku-Klux-Klans, der mit seinem Kampf für Apartheid, Antikatholizismus und Antisemitismus den Staat herausfordert, und zwar auf seinem ureigensten Gebiet – der Gewalthoheit.

    Die Ansage der tatsächlichen Herrschaft ist: Die Glaubensgemeinden sollen sich nicht weiter als soziale, politische Bewegungen verstehen, sondern den Kapitalismus als die einzige Religion anerkennen und ihre seelsorgerischen Dienste in seine Verantwortung stellen. Mit dieser Rolle finden sich islamistische Jünger nicht ab. Die Gebote von der Barmherzigkeit der Mächtigen, der Mildtätigkeit der Reichen, der Muslimbruderschaft und des Kampfes gegen die Ungläubigen sollen wahr gemacht werden. Der Antiterrorkrieg begann mit der Bombardierung des Hindukusch. Spätestens nach der Exekutierung von Osama bin Laden durch US-Eliteeinheiten schien der Spuk vorbei zu sein. Mit der zunehmenden Auflösung der öffentlichen Ordnung im Irak nach Abzug der US-Truppen und in Laufe des arabischen Frühlings brach ausgerechnet – oder gerade deswegen? – durch den Zerfall einiger laizistischer Staaten der islamistische Terror so richtig aus.

    Wie gesagt, das sind einfach Gedanken, die mir durch den Kopf gehen und die zu klären wären. Nebenbei biete ich einen politischen Aufsatz über das Verhältnis von Staat und Religion zum Download an, der vielleicht schon einige Fragen beantwortet:

    Freerk Huisken – Staat und Religion

  6. 6 Oma Eusebia 08. Oktober 2016 um 11:18 Uhr

    Auf Spiegel Online erscheint immer wieder sonntags die Kolumne Der Rationalist von Christian Stöcker, Professor an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), mit „Gedanken über Hysterie und Fakten in der deutschen Debatte“. Letzten Sonntag (2.10.16) ging es um eine historische Gegenüberstellung der Kreuzzüge des Christentums mit denen des Islams mit der Quintessenz:

    „Der Islam wird von seinen Kritikern als barbarisch dargestellt, das Christentum als aufgeklärt. Beides ist falsch. Tatsächlich waren einst die Christen die wahren Barbaren.“

    Barbarei und Toleranz – Zum Glück gibt’s den Islam

    Alles Wissen jenseits der Bibel und theologischer Abhandlungen galt als gefährlich, weil es den Glauben hätte in Frage stellen können. Viele Schriften griechischer Philosophen und Dramatiker, natur- und geisteswissenschaftliche Abhandlungen konnten nur überleben, weil Gelehrte in den Osten flohen, Wissen und Bücher mitnahmen.

    Die christlichen Kulturvernichter leisteten ganze Arbeit, auch später noch einmal, als im Zuge des byzantinischen Bilderstreits im achten und neunten Jahrhundert massenweise Kunstwerke zerstört wurden, weil die aktuelle religiöse Doktrin sie als Götzenbilder verdammte… Auch da denkt man unwillkürlich an IS und Taliban.

    Hätten Araber und Perser nicht viele antike Schriften gerettet, noch weit mehr von der Geistesgeschichte des Abendlandes wäre verlorengegangen. Zu unserem Glück flossen die Ideen und das Wissen schließlich aus dem arabisch-persischen Raum zurück nach Europa.

    Der Islam wird heute von seinen Kritikern als Religion der Barbarei dargestellt, die christliche Tradition dagegen als tolerant und aufgeklärt. Das eine ist so falsch wie das andere. Tatsächlich ist das, was wir heute als abendländische Tradition begreifen, nicht zuletzt der Abkehr von der Religion und der Hinwendung zur Vernunft zu verdanken – in der Antike ebenso wie im Zeitalter der Aufklärung.

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