Vom Wesen und Unwesen des Finanzkapitals

Es gibt weise Systemverweigerer, für die steht das Finanzkapital wieder mal kurz vor dem endgültigen Kollaps. Erstaunlich, wo „wir“ seit dem ersten Crash der New Economy (Dotcom-Blase) ein Fiasko nach dem anderen überstanden haben. Aber für diese Propheten üben Zusammenbruchstheorien nach wie vor ihre Anziehung aus, zumal von einem Aufstand gegen Staat & Kapital weit und breit nichts zu sehen ist – so wie die Zeugen Jehovas schon mehrmals den Weltuntergang vorausgesagt haben, um das Paradies auf Erden in Aussicht stellen zu können. Die Katastrophe überleben natürlich nur die Glaubensanhänger. Träumen die Linkslibertären auch davon? Statt den Teufel an die Wand zu malen und sich an der Apokalypse zu ergötzen, sollte sich vielleicht lieber ein Begriff davon gemacht werden, was es mit dem Kreditwesen überhaupt und seinen Verlaufsformen auf sich hat – warum es einerseits soviel Schaden bis hinein in unser Alltagsleben anrichten kann, anderseits aus dem globalisierten Wettbewerb der multinationalen Konzerne nicht mehr hinweg zu denken ist. In der öffentlichen Meinung bis hin zu der Partei „Die Linke“ wird die Bankenrettung gern in der Weise angeprangert, als ginge es den Politikern darum, die Bankiers zu bereichern statt die wahrhaft Bedürftigen zu unterstützen. Die Nörgler sollten erst mal zur Kenntnis nehmen, dass der Finanzsektor deshalb so viel Fürsorge erfährt, weil er systemrelevant ist.

Banken sind der Motor der Wirtschaft, Kredite sind der Treibstoff des Wachstums; sie finanzieren den Kapitalvorschuss, befreien die Unternehmen von den Schranken ihres Eigentums respektive ihrer liquiden Mittel. Das Kapital reproduziert sich nicht mehr allein aus den Überschüssen, also bloß aus sich selbst heraus. Der Kredit fügt dem Geschäftemachen eine gewaltige Dynamik hinzu durch die Erweiterung – nicht nur einfach mit Geld noch mehr zu machen, sondern – aus Geld, das man eigentlich nicht hat, mehr zu schöpfen als die Summe, welche man den Geldgebern einschließlich Zinsen am Ende zurück zahlen muss. Kredite dienen den Unternehmen nicht zur Überbrückung von Engpässen wie es beim Normalverbraucher üblich ist. Der Kapitalist lebt weit über seine Verhältnisse, um mit den Schulden Geschäfte zu machen; und ohne diesen finanziellen Vorsprung würde er im Gefecht der Konkurrenzgeier auch keine Sonne sehen. Damit dient die Finanzwirtschaft durchaus den Interessen der Realwirtschaft – sie kurbelt den Waren- und Arbeitsmarkt an – womit sich die Entgegensetzung von schaffenden und raffenden Kapital (Kampfbegriffe „Zinsknechtschaft“ und „Hochfinanz“) als verkehrt heraus stellt.

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2 Antworten auf „Vom Wesen und Unwesen des Finanzkapitals“


  1. 1 Dagobert 25. Juli 2016 um 17:22 Uhr

    Das Interesse der Staatengemeinschaft – selbst in Anbetracht der Rivalitäten ihrer Mitglieder – an einer gemeinsamen Bankenrettung durch die nationalen Zentralbanken und die EZB ist elementar. Kredit kommt nämlich von wechselseitigen Vertrauen (Treu und Glauben) und wenn dieses zerstört ist, brechen erst schwache Nationalökonomien und schließlich der kontinentale Markt zusammen. Die Investitionsbereitschaft der Geschäftsleute nimmt ab, Anleger stoßen ihre Wertpapiere ab, die Sparer heben ihr Guthaben ab, die Konsumenten verzichten auf größere Anschaffungen, Banken und Firmen melden Insolvenz an, Preise, Gewinne und Löhne stagnieren oder sinken, während die Arbeitslosigkeit steigt. Die Absatzkrise kann also eine für alle Marktteilnehmer verheerende Depression auslösen. Von den Geldbomben – der Bereitstellung quasi unerschöpflicher Finanzquellen – verspricht sich die EU eine wachsende Risikobereitschaft aufblühender Unternehmen für Investitionen, welche Europa als Ganzes zu einem ertragreichen Austausch untereinander und mit seinen transatlantischen und fernöstlichen Handelspartnern verhelfen. Die Zentralbanken machen somit keine Gewinne für sich, sondern regen das Geschäftsleben als solches an, indem sie öffentliche Gelder zinsfrei in die maroden Banken pumpen; sie drängen ihnen die Moneten sogar regelrecht auf, damit diese sie auf Teufel komm raus für Existenzgründungen oder Geschäftserweiterungen an den Mann bringen. Die Konjunktur in Euroland soll in Schwung kommen.

    Die Kreditinstitute selbst sind allerdings keine reinen Dienstleister, sondern sie machen mit ihrem Service ihren eigenen Reibach. Für sie sind die kreditierten Geschäftsunternehmungen Investitionsobjekte, die sich rentieren sollen. Aus der großen Chance, die sich für die Geschäftswelt auftut, ergibt sich gleichzeitig ein neue Verbindlichkeit für jedes Einzelunternehmen. Konnte es früher ein erfolgloses Geschäftsjahr betriebsintern abschreiben, so hat es heutzutage unerlässlich zu liefern, um die Außenstände in Form von Ratenzahlungen – Zinsen inklusive – zu bedienen. Die Bank entscheidet am Ende des Tages anhand der Bilanzen und Prognosen über Leben und Tod der zum Gewinn verurteilten Projekte – ob sie also z.B. ein Unternehmen trotz Verluste oder Gewinneinbußen weiter laufen lässt, ihm unter die Arme greift oder es kurzerhand untergehen lässt. Die Geschäftsinhaber liefern sich der Macht der Banken aus, aber in dem eigenen Interesse, ihre Kapazitäten zu potenzieren. No risk, no money! So bilden Finanziers und Kapitalverwerter einen Zweckverband und beide zusammen eine Symbiose mit dem Gewaltmonopol – alle arbeiten Hand in Hand.

  2. 2 Gustav Gans 25. Juli 2016 um 17:31 Uhr

    Nicht zu vergessen ist, dass sämtliche eingeräumten Kredite vorweg von den Spareinlagen und Steuereinnahmen abgezwackt werden und das Rückzahlungsversprechen letztlich auf der Optimierung der Exploitationsrate baut – was ist aus der Arbeitskraft noch heraus zu quetschen? Die Bank ihrerseits verleiht ihr Geld nicht bloß auf Grundlage ihrer Reserven und Zinstilgungen sondern in Erwartung der Gewinne vom Gewinn ihrer Kredite. Ähnlich dem Unternehmer, dem sie Geld leiht, damit dieser einen möglichen Profit realisiert, besorgt sie sich weiteres Geld für gewinnträchtige Kreditvergaben, die in Aussicht stehen könnten, also noch gar nicht unter Dach und Fach sind. So baut eine Spekulation auf der nächsten. Die Banken gehen laufend Schuldverhältnisse ein – auch untereinander, also nicht nur als Gläubiger sondern auch als Schuldner – in der kühnen Vorwegnahme des Erfolgs. Im Endeffekt ist alles Kredit vom Kredit vom Kredit und der Staat ist der letzte Bürge, der mit seinem Waffenarsenal und seinen Gelddruckmaschinen die Kreditwürdigkeit des Geldumlaufs in Form von fiktiven Kapital aufrecht erhält und sicher stellt. Was aber passiert, wenn die Rechnung, dass das unterschlagene, spendierte Geld fleißig Junge wirft, nicht aufgeht?

    Der folgende Vortrag offenbart noch weitere Charakterisierungen der zwischen Hoffen und Bangen schwankenden Jongleure des Finanzzirkusses und das mehr oder weniger souveräne Krisenmanagement des Zirkusdirektors. Weil das Speichervolumen des Blogs begrenzt ist, habe ich die Buchvorstellung von Peter Decker für „Das Finanzkapital“ stark gekürzt. Ich nehme jedoch an, dass der erste Teil genügend Einblicke bringt in den Wahnsinn, der Methode hat.

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