Die AfD ist die neue FDP mit Pickelhaube

Die Aufnahme der Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem Nahen Osten kam der Kanzlerin als Anlass einer beachtenswerten Selbstdarstellung recht: „Seht her, das Bild vom hässlichen Deutschen ist überholt, wir sind weltoffen und hilfsbereit!“ Eine eindrucksvolle Anzahl von alten Tanten und jungen Studenten mit viel Herz und Zeit haben sich auch entsprechend abgemüht, Stullen zu schmieren und Zelte aufzustellen. Aber wie sich im Nachhinein heraus stellen sollte, kam die Willkommenskultur in breiten Teilen der Bevölkerung nicht so gut an: „Warum werden plötzlich Mittel locker gemacht für Sprachkurse, Betreuung und Unterbringung, obwohl wir uns selbst wenig in die Suppe zu krümeln haben und dieser Notstand kaum noch thematisiert wird?“

Was regt den „Mann von der Straße“ denn so auf an den zusätzlichen Staatsausgaben für die Bewältigung der „Flüchtlingskrise“? Wenn für Raumfahrtprogramme Milliarden verschleudert werden, dann wird dadurch das Ansehen der „westlichen Zivilisation“ erhöht; darüber echauffiert sich kaum jemand – das hebt eben „unser“ Ansehen in der Welt. Kriegsflüchtlinge dagegen stellen in den Augen des Citoyen kein Prestigeobjekt der Nation dar: Als hässliche Deutsche wollen sie nicht mehr gesehen werden, aber der Preis dafür ist ihnen zu hoch. Auf diese unfreiwillige Trophäe verzichten sie lieber – weil diese Opfer als Fußnote des Imperialismus den Zweck der Staatenkonkurrenz all zu sehr offenbaren? Mit ihrer Stimmungsmache hat sich die Bundesregierung offensichtlich verschätzt; nachhaltig hat sie weder im Ausland damit gepunktet noch ist das beim Wähler gut angekommen.

Bekannt ist vielleicht, dass die Parteiführer und Förderer – ich zitiere mal aus dem Blog des Lower Class Magazin – „die Hochadlige Beatrix von Storch, der Bismarck-Fan und Jurist Alexander Gauland oder der Salon-Nationalist Jürgen Elsässer“ gutsituierte oder im Elfenbeinturm hausende Bürger sind. Deshalb habe ich mich gefragt, was haben die im Sinn, wenn sie sich auf das Prekariat berufen. Wo kommt der Otto-Normalo bei denen eigentlich vor? Wie gehabt: als Nationalist! In diesem Blog bezeichnet jemand die AfD als „FDP mit Pickelhaube“. Was den Anhängern verkauft wird, ist aber nur die Pickelhaube – und die kaufen denen das ab. So präsentiert man sich nach den Wahlerfolgen in vier Bundesländern als „neue, wahre Volkspartei“ (Parteisprecherin Frauke Petry). Ins Parteiprogramm guckt eh niemand. Nun habe ich mir doch die Mühe gemacht, das Wahlprogramm der AfD aus Baden-Württemberg durchzulesen. So viel Neues ist im Vergleich zu den anderen bürgerlichen Parteien nicht zu entdecken. Wobei ich zugestehen muss: Das Programm ist gar nicht so übel: das ist Rattenfangen vom Feinsten. Raffiniert daran ist, wie das Anliegen des Kapitals zur Sache aller Bürger, auch der mittelosen, gemacht wird.

Die AfD setzt sich für eine Aufrechterhaltung der bestehenden Rechts-, Sozial- und Wirtschaftsordnung ein und setzt ein paar rassistische und nationalistische Ressentiments oben drauf. Ein bisschen Arbeitnehmer-, Verbraucher- und Naturschutz ist selbstverständlich auch dabei. Die FDP (in ihr) macht sich bemerkbar in der Einforderung eines größeren liberaleren Spielraums: Weniger Staat! Fragt sich nur für wen? Denn ganz auf ihn verzichten mag sie nicht. Hier fällt das inhärent Widersprüchliche des Liberalismus auf: Für die Geschäftswelt werden mehr gesetzliche Freiräume eingefordert, aber in der Erziehung, Überwachung und Beschränkung der Habenichtse wird die Staatsmacht zum konsequenten Durchgreifen aufgerufen. Die AfD gibt vor, wie die FDP, den Mittelstand zu vertreten, den der Staat besser schützen soll vor der Monopolisierung. Wiederum entdeckt sie aber auch viele staatliche Eingriffe ins Privat- vornehmlich Geschäftsleben und eine überbordende Bürokratie, die ihrer Vorstellung von bürgerlicher Freiheit nicht gerecht werden. Weniger Staat hier, mehr Staat dort; einerseits Unabhängigkeit, andererseits Reglementierung; das ist der Eiertanz der Liberalen, die früher schlicht „Scheiß Liberale“ geschimpft wurden. Eine Arbeiterpartei ist die AfD nicht, ob sie die bessere CSU oder FDP wird, wird sich zeigen.

Ein paar markige Punkte, wo die AfD mehr Staat fordert, obwohl sie prinzipiell weniger will, aber was zur Unterdrückung nun mal erforderlich ist, habe ich heraus gegriffen aus ihrem Landtagswahlprogramm 2016 für Baden-Württemberg. Wo sie weniger Staat will, ist wiederum nicht unbedingt das Ding der vereinnahmten „kleinen Leute“. Die Standpunkte zur Ein- und Ausgliederung der Flüchtlinge habe ich heraus gelassen, weil sie damit bei der Unterschicht eh hausieren geht.

:arrow:  Auszüge aus dem AfD-Programm zur Staatsräson


10 Antworten auf „Die AfD ist die neue FDP mit Pickelhaube“


  1. 1 Fix & Foxi 15. März 2016 um 23:52 Uhr

    Das Resümee des AfD-Wahlprogramms hinsichtlich einer Neubestimmung der Nation:

    Die Meinung der Mitglieder richtet sich in ihrer Tendenz gegen den gesamten Apparat an gesellschaftlichen Reformen, die in den vergangenen Jahrzehnten eine multikulturelle und geschlechterneutrale Gesellschaft erschaffen sollten. Sie stimmen mehrheitlich gegen die Inklusion von behinderten Kindern in Regelschulen, gegen Frauenquoten in Studiengängen, etliche fordern eine Schließung aller Koranschulen. (FAZ)

    Bekräftigt wird diese Position durch Verlautbarungen der Parteispitzen, die als Unternehmer, Unternehmensberater, Gesellschafter, Marketingdirektoren und dergleichen tätig sind oder waren.

    Petr Bystron, Landesvorsitzender in Bayern:

    Die Landtagswahlen vom Wochenende seien „wirklich eine Revolution“, sagt Bystron dieser Zeitung. „Gestern ist ein Paradigmenwechsel eingetreten, es ist das Ende der Herrschaft der Alt-Achtundsechziger in Deutschland. Das werden die Leute erst noch begreifen“. „Dass man die Linken wieder zurückdrängt und zurück zu Bürgerlichkeit und Liberalität kommt.“ (FAZ)

    „Zahllose unserer Mitglieder verstehen die AfD als Bewegung des Volkes gegen die Gesellschaftsexperimente der letzten Jahrzehnte.“ (Erfurter Resolution)

    André Poggenburg, Landesvorsitzender in Sachsen-Anhalt:

    „Wir müssen die Achtundsechziger rückabwickeln, bis wir wieder einen Normalzustand erreicht haben.“

    Martin Renner, Landesvorsitzender in Nordrhein-Westfalen:

    „Die AfD hat die Aufgabe, die Überwindung der linksideologischen Indoktrination unserer Gesellschaft in Angriff zu nehmen.“

    Bei dem gemeinen Wählern spiegelt sich diese Mission im Unterschied zu den Mitgliedern höchst diffus wieder. Wer wählte warum die AfD? Die Nachwahlbetrachtungen in diversen Tageszeitungen, basierend auf Umfragen von Forsa und Infratest Dimap, ergeben folgendes:

    Was offensichtlich ist, die AfD wäre ohne den Flüchtlingsstrom nicht hochgekommen. „Die Flüchtlinge passen nicht zu uns und sie stellen eine Gefahr für die innere Sicherheit dar“ – das ist der allgemeine Tenor der AfD-Wähler. Andere Themen als die Flüchtlingskrise spielen bei der Wahlentscheidung eine untergeordnete Rolle oder hängen damit zusammen. Die AfD holte überdurchschnittlich viele Stimmen bei Arbeitern und Arbeitslosen; in Sachsen-Anhalt wählten allerdings auch 22 Prozent der Selbstständigen diese Partei. Sehr viele Nichtwähler wurden mobilisiert. 93 Prozent der AfD-Wähler sagten, die Partei löse zwar keine Probleme, nenne die Dinge aber beim Namen. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, was für eine Protestwahl spricht, um die da oben mal richtig zu ärgern. Weit über die Hälfte (in Rheinland-Pfalz sogar 72 Prozent) der AfD-Wähler hätte statt der AdF auch CSU gewählt, wenn diese in ihrem Bundesland zur Wahl gestanden hätte.

  2. 2 Lupo 17. März 2016 um 12:25 Uhr

    Dr. Marc Beise, leitender Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung: „Mit normalen politischen Forderungen hat das Wahlprogramm der Alternative für Deutschland nichts mehr zu tun.“ Er nennt es absurd und unterstellt der AfD die Absicht zur „Abschaffung Deutschlands in seiner jetzigen Form“. Was für eine Dramaturgie!

    Ich lese aus dem Programm einen verunsicherten Mittelstand heraus, der sich günstigere Konkurrenzbedingungen verspricht. Was AfD und FDP ersehnen, ist mehr Selbstbestimmung und Gerechtigkeit für den Stand, den sie vertreten – die hier ansässigen „Leistungsträger“, welche sich der Nation unaufhörlich als ein maßgeblicher Wachstumsfaktor andienen, aber vom Staat verkannt werden, der auf offene Grenzen und globalen Großmarkt setzt. Dagegen leiern die Liberalen an, nur der Mittelstand mit seiner besonderen „Innovationskraft“ und Flexibilität könne Deutschland noch weiter nach vorne bringen. Dazu bedürfe es aber einer sortierenden Abschottung gegen den ausländischen Waren- und Arbeitsmarkt und die gravierende Einschränkung jener „Macht der Monopole“, die einen „gesunden, fairen Wettbewerb“ verhindert.

    Vonnöten sei auch eine Entlastung von all den Abgaben – bedeutet konkret, Abschaffung der Gewerbesteuer, Grundsteuer, Erbschaftssteuer und „Reform“ des Ertragsteuerrechts. Gegenfinanziert sollen die Einnahmeverluste des Fiskus durch Einsparungen bei den Lohnempfängern und den Kostgängern – bedeutet konkret, „Bürgerarbeit“ statt Hartz-IV, Kürzungen oder Streichungen von Sozialversicherungsleistungen, private Altersvorsorge, weniger Unterstützung des selbstgewählten Lebensmodells „Alleinerziehend“, Einstellung alternativer Projekte und Rückfahren der Umweltschutzmaßnahmen. In Ausbildung und Karriere soll statt des Gleichheitsprinzip wieder das Leistungsprinzip gelten, was im liberalen Jargon eigentlich nichts anderes heißt, als dass der Vorsprung einer besseren sozialen Ausgangsstellung sich auch auszahlt.

    Bei der AfD kommt im Unterschied zur FDP das Verlangen hinzu nach mehr staatlichen Eingriffen in das öffentliche, teilweise sogar private Leben. Was klassisch der aufgrund seiner wirtschaftlichen Instabilität beunruhigte Großbürger immerfort befürchtet hat, wird in ihren Augen wieder lebendig: Der Zerfall der öffentlichen Sicherheit und Ordnung, eine ständige Bedrohung von Ehr, Leib, Leben und Gut, eine Verrohung der Sitten, eine Zerrüttung der Wertegemeinschaft. Es soll wieder mehr Ruhe auf den Straßen einkehren, mehr Überwachung stattfinden, härtere Strafen ausgesprochen, fremde Gestalten mit unredlichen Absichten und eigensinnigen Gebräuchen außen vor gehalten werden; es soll linker, multikultureller, islamischer Ideologisierung Einhalt geboten und natürlich die Familie in ihrer ursprünglichen Prägung bewahrt werden.

    Im Fazit sehe es etwas anders als Marc Beise von der SZ: Das Wahlprogramm der AfD mag teilweise überdreht sein. Wie es schon zuvor neugegründete Parteien mit hohen Ambitionen erfahren mussten, werden sie bei der Gestaltung verantwortlicher Politik im Plenarsaal und den Arbeitsausschüssen sowieso schnell zerrieben. Ihr Programm ist jedoch nicht „absurd“ mit „unnormalen politischen Forderungen“, sondern ein resolutes Mittelstandsprogramm wie es auch von der FDP stammen könnte. Dazu gehörte immer auch der Ruf nach einem Abbau des Sozialstaats.

    Was sie von der FDP unterscheidet, ist ihr Programm zur Rettung der Nation, die sie in akuter Gefahr sehen. Das würde die FDP in dem Ausmaß nicht unterstützen, weil die Freiheit nun mal ihr Glaubensbekenntnis und ihr Markenzeichen ist. Somit kann man die AfD als rechtsliberale Partei bezeichnen, die nicht die „Abschaffung Deutschlands in seiner jetzigen Form“ vorsieht, sondern eine umfassende Anpassung der staatlichen Mittel und Instrumente an die Erfordernisse einer effektiveren nationalen Reichtumsmehrung durch eine Förderung ihrer Klientel, eine Deckelung der Unterschicht und einer Ausrangierung der Nutzlosen – wohlwissend, dass die daraus hervorgehende Zunahme der gesellschaftlichen Widersprüche eine Verstärkung der staatlichen Kontroll- und Sanktionsmaßnahmen bedarf.

  3. 3 Oma Eusebia 17. März 2016 um 15:35 Uhr

    Eine spannende Frage finde ich noch, inwiefern die AfD-Führer den Rassismus der Leute einfach nur benutzen für ihre Zwecke oder ob sie selber daran glauben, also auf ihre verbreiteten Ideologien selbst hereinfallen. Da laufen so dumpfe Gestalten rum wie die Beatrix von Storch, über die Wikipedia zu berichten weiß:

    Von Storch ist Mitbegründerin des Vereins Göttinger Kreis – Studenten für den Rechtsstaat e. V., der sich für eine „Wiedergutmachung“ der Vertreibungen und Enteignungen durch die Boden- und Industriereform in der Sowjetischen Besatzungszone einsetzt. Der Verein organisierte verschiedene Veranstaltungen unter anderem mit Michail Gorbatschow. Die von ihr geführte Allianz für den Rechtsstaat fordert ebenfalls „die Rückgabe des Bodenreformlandes in die Hände der früheren Großgrundbesitzer“.

    Andererseits finden sich auch belesene, raffinierte Köpfe darunter wie Alexander Gauland, der jetzt schon Ausschau hält nach Koalitionspartnern, wobei er sich nicht scheut, auf abenteuerlichen Abwegen zu wandeln. Die Presseagenturen wissen zu berichten:

    Der Spitzenkandidat der Alternative für Deutschland (AfD) für die Landtagswahl in Brandenburg, Alexander Gauland, hat sich offen für eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei gezeigt. Zwar seien die Schnittmengen mit der Linken naturgemäß gering, sagte Gauland, der auch Bundes-Vize seiner Partei ist, am Dienstag der Online-Ausgabe des Handelsblatts. „Aber es gibt Vertreter wie Frau Wagenknecht, die mit ihrer Haltung zur Euro-Rettungspolitik und ihrer Kritik an den Großbanken gut zur AfD passen.“

    Der Nationalismus der Linken wird von den Rechten auf die Nagelprobe gestellt – das ist neu.

    Im Normalfall pariert der Nationalist nach der Devise: „Wenn Deutschland wächst, macht auch mich das größer“. Die Frage ist nur, worin besteht dieser Erfolgsweg? Die zweite Frage ist dann, ob die AfD mit ihrem Kurs – der Restauration einer ethnischen Nation – durchkommt oder überhaupt durchkommen kann. Sie wird am Ende des Tages einsehen müssen, dass die Welt schon längst nicht mehr so tickt und es im Grunde seit der Einrichtung der Nationalstaaten nur in extremen Krisen zur Rückbesinnung auf die klassische Definition gekommen ist. Ein solcher Ausnahmezustand ist aber derzeit nicht festzustellen und in Zukunft auch nicht abzusehen.

    Warum suhlt sich die deutsche Nation im Rausch ihres Erfolges? Weil die Erfolgsmasche Deutschlands eben nicht in einer nationalen Einigelung besteht, sondern – im Gegenteil – in einer Benutzung aller Menschen in Europa und darüber hinaus, im unbeschränkten Export und Import sprich Freihandel, wobei sich auf bestimmten Geschäftsfeldern durch Protektionismus und Subventionen ein Wettbewerbsvorteil verschafft wird. Globalisierung war doch das Schlagwort der letzten Jahrzehnte, wobei Deutschland kräftig mitmischen wollte und dies auch erfolgreich geschafft hat.

    Bei der AfD tut sich folgender Widerspruch auf: Auf der einen Seite sind sie Nationalisten, die ihr Land noch besser in der Welt aufstellen möchten. Sie wollen, dass Deutschland Wirtschaftsmacht Nr. 1 in Europa bleibt. Auf der anderen Seite wollen sie ihren Mittelstand schützen, indem sie Deutschland wieder auf die Entwicklungsstufe der 60er Jahre zurückführen. „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“. Das passt nicht zusammen und hat keine Perspektive. Was verspricht sich also die AfD von ihrer rückständigen Politik?

  4. 4 Knox 13. September 2016 um 14:50 Uhr

    Ich wurde auf einen Artikel des Gegenstandpunkt aufmerksam gemacht mit dem Thema, wie die AfD sich um das Wohl des deutschen Volkes sorgt, d.h. in der Politik der Altparteien eine grobe Vernachlässigung der nationalen Stärken und ein Verspielen der internationalen Konkurrenzvorteile aufgrund von links angehauchten, menschen- und umweltfreundlichen Hirngespinsten erkannt haben will. In Augen der AfD braucht dieses Land wieder eine geistig-moralische Wende zur Stiftung eines einheitlichen „Wir“, das sich paradoxerweise negativ, nämlich über die Ausgrenzung definiert. Von daher kann die AfD den Flüchtlingen dankbar sein. Der Muslim repräsentiert die Judensau von heute!

    :arrow:  GegenStandpunkt: So will die AfD die Nation von ihren Ketten befreien

  5. 5 Anonym 13. September 2016 um 20:50 Uhr

    Ideologisch präsentiert sich das angestrebte „Wir“ der AFD als Rollback aus dem sogenannten „Dekonstruieren“ der vaterländischen Werte durch die verteufelten 68er, die es verschuldet haben sollen, dass heutzutage ans Vaterland und an die Heilige Ehe nicht mehr wahrhaft geglaubt werde [sie würden, so die Sicht der AFD, als bloße „Konstrukte“ diffamiert – vom gendermainstream, multiculti und so zeuxs). (Dass den 68 hier zu viel Ehre angetan wird, und m. E. eher Staat und Kapital mittels Globalisierung, Frauenerwerbstätigkeit u.ä. solcherlei „Dekonstruieren“ der alten Geschlechterrollen bewirkt haben, – das sei nur angemerkt.)

    „[Der AFD-Parteiideologe] Joggen will die Geschlechterrollen stärker festschreiben, um sie vor der Bedrohung durch die Gender-Theorie zu schützen. Statt „Gender Mainstreaming“ fordert Jongen deshalb „Erziehung zur Männlichkeit“. Dieses Denken bezieht er nicht nur auf Geschlechterfragen. Der gesamte „kulturell-religiöse Überbau“ der Gesellschaft soll auf diese Weise geschützt werden. Die AfD soll die weitere Dekonstruktion von Familie, Volk und Kirche verhindern. Man müsse „pfleglich umgehen mit den notwendigen Illusionen“.“

    FAZ – Der Parteiphilosoph der AfD

    Dass die Vorstellungen von Vaterland und Heiliger Ehe ein ideologischer Quatsch (‚Illusionen‘) seien, will der AFD-Ideologe also gar nicht bezweifeln. Aber dieser Mist sei mehr als dieses.
    Nämlich a) die Illusion (!) eines irgendwo wirklich existenten Höheren Wertes. Und „Illusion“ meint hier etwas Gutes, nämlich ein Überlebensmittel. Ich muss mir einen Quatsch einbilden, damit ich mich besser in der Konkurrenz bewähren will. (Jeder ist seines Glückes Schmied, lautet auch so eine Illusion, die jeder durchschaut, aber nicht von ihr lassen will.)
    b) Denn es brauche die Menschheit solche Illusionen notwendig. Und anstatt hier den Schluss daraus zu ziehen, wie verkehrt eine Welt eingerichtet ist, die man mit Illusionen besser ertragen kann, wird dieser Schluss verboten. Die Natur habe es so eingerichtet. So müsse es einfach sein. Und wer das ‚dekonstruiere‘, der vergehe sich am völkischen Auftrag der Natur.

    Da trifft es sich dann ja gut, dass die AFD-Vorstellung, Nation sei vor allem erst mal ein Kollektiv kriegerischer Blutsbrüder zwecks Vorbereitung der nächsten Waffengänge, wehrhafte Männer braucht, und Frauen, die dem Staat dafür mindestens 4 bis 6 kleine zukünftige Soldaten schenken wollen.

    D a f ü r sind dann solche verlogenen Vorstellungen von Frauenrolle und Männerrolle anscheinend dann ja auch wirklich „notwendig“. Auch die Jobmäßige Ableistung des Militärischen über Berufssoldaten wird daher von der AFD abgelehnt, und die Rückkehr zur Wehrpflicht eines jeden Volksgenosen gefordert [incl. der entsprechenden militärtauglichen Aufrüstung der BRD-Schlaffis, damit ein wehrhaftes Volk entstehe]. Hart wie Krupp-Stahl, so lautet die moderne AFD-Devise also wieder.

    Huisken hat im Frühsommer betont, dass bei der AFD der Aspekt der „Ausgrenzung“ als einziges Kriterium der Staatsgewalt völlig verabsolutiert werde. (Faktisch war die BRD ja erfolgreich damit, z.B. die europäischen Nachbarstaaten auch benutzen zu wollen, und dafür z.B. die deutsch-französische Geschichte ziemlich radikal umzukrempeln).

  6. 6 Anonym 14. September 2016 um 6:12 Uhr

    Während die „Altparteien“ den sogenannten „Notstandsfall“ (wo es pur nur um die Aufrechterhaltung bzw. Durchsetzung der Staatsgewalt als solcher geht) als Ausnahmefall durchaus auch in ihrem Repertoire ideologisch vorsehen (z.B. letztens die Aufforderung der Bundesregierung an die Bürger, man möge sich vorsichtiger Weise durchaus doch bitte auch mal mit Ravioli-Dosen und Wasserflaschen auf denselbigen vorbereiten…), ist für einen AFDler der Notstandsfall bereits jetzt quasi der Normalfall des staatlichen Alltags.
    Dass die 68er diese kriegerische Einstimmung der Bürger vergeigt haben, das ist daher der Hauptvorwurf – vor allem an die Grünen.

  7. 7 Lupinchen 14. September 2016 um 22:10 Uhr

    Hieran zeigt sich die Beliebigkeit der Ausschlusskriterien des Nationalismus. Der 68er-Typus mit freier Liebe, antiautoritärer Erziehung, bewusstseinserweiternden Drogenexzessen und ausschweifenden Musikfestivals dürfte nicht gerade dem muslimischen Idealbild entsprechen. Für den AfDler sind aber beide Modelle nicht gesellschaftsfähig. Positiv beziehen sie sich auf das „christliche Abendland“. Dass ausgerechnet ein Theologe (namens Manfred Becker-Huberti) diesen Begriff der Inhaltsleere und des Abgrenzungscharakters zutreffend überführt, überrascht mich doch:

    :arrow:  Das christliche Abendland ist Fiktion

  8. 8 Anonym 18. September 2016 um 8:44 Uhr

    Zu den „Rettern des christlichen Abendlandes“
    In ihrer inneren Logik lassen sich die methodischen Rück-/Miss-Griffe der Hasstiraden der AFD
    (‚Merkels islamistische Flüchtlinge seien vergleichbar den moslemischen Gotteskriegern vor Wien, – nur seien diese inzwischen innerhalb von Westeuropa angekommen…‘)

    als typische Fehler der Geschichtswissenschaft auseinandernehmen

    1. Alte Geschichten: angeblich bedeutsam für das Heute
    2. Denn alles sei historisch bedingt
    3. Dafür wird Geschichte verdoppelt – in Geschichte
    – und in ihre „Bedingungen“, „Triebfedern“ und „Auslöser“
    4. Die Leistung: die Gewalt der Rechten heute soll verherrlicht werden

    Wissenschaftskritik – Stichwort „Geschichte“

    MSZ 1985 – Geschichte als Argument

  9. 9 Anonym 18. September 2016 um 9:24 Uhr

    Wobei „Geschichte“ bei Pegida, AFD etc sowieso weniger als Rückgriff auf das Fach vorkommt, sondern eher als Berufung auf einen dadurch hoheitlich gewürdigten Titel für das eigene inszenierte „Gefühl“ von „Heimat“: dem untertänigen Ruf nach einem starken Staat, der exklusiv vor allem gegen alles Ausländische auftreten solle.

    GegenStandpunkt 1-15 – Pegida beweist es:
    Ausländerfeindschaft braucht keine Ausländer

    Ein beleidigtes „Wir Volk“ ist sich selbst genug

  10. 10 Anonym 20. September 2016 um 21:53 Uhr

    Der nationale Aufbruch der AfD

    „Auch Deutschland hat jetzt eine Partei, die antritt, um Staat und Volk zu retten“, resümiert die neue Ausgabe der Politischen Vierteljahreszeitschrift Gegenstandpunkt (3/16) in ihrer Analyse der Rechtspartei AfD.
    Die neue rechte Mannschaft (mit starker weiblicher Führung) stellt klar, dass es ihr nicht einfach um einen Austausch des Regierungspersonals geht, das – wie sonst üblich – eine zwischen den Konkurrenten um die Ämter unstrittige Staatsräson exekutiert; sie will vielmehr eine Neudefinition dessen, was die Nation ist und zu tun hat.
    „Nationale Identität ist nicht nur ohne Ausgrenzung nicht zu haben, sie besteht überhaupt nur darin: Außer der Scheidung zwischen denen, die – letztlich aufgrund gesetzlicher Richtlinien – dazugehören, und den anderen, hat sie keinen Inhalt; einen Inhalt bekommt sie erst durch die Bebilderung der per staatliche Gewalt vollzogenen Absonderung; und praktisch durchgesetzt wird sie ohnehin mit nichts als Gewalt.“ (Ebd., 144) Die Überlegungen des Textes zielen auch auf die doppeldeutige Rolle, die die AfD einnimmt und – da sie deren Erfolgsweg ausmacht – weiterhin einnehmen will, nämlich als „Sammlungsbewegung für aktionsbereite, enttäuschte Nationalisten“ und als „Wahlalternative für Bürger, die konservativer regiert werden wollen“ (ebd., 147), aufzutreten. In diesem Charakter einer Art „Volksbefreiungsbewegung“ (ebd.) unterscheidet sich die AfD von den anderen Parteien, von denen sie sich sonst – entgegen den öffentlichen Dementis – gar nicht groß unterscheidet.

    Der nationale Aufbruch der AfD

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