Lupo wünscht allen Genossen…

Wir sind das Volk – We are the People

Die unerquicklich Parole „Wir sind das Volk!“ der Montagsdemos zur Wendezeit 1989 wird seit zwei Jahren von der PEGIDA wiederbelebt. Unerquicklich, weil es keineswegs als Aufstand gegen Obrigkeit an sich zu verstehen ist und so auch nicht verstanden werden will, sondern nur einen Untertanengeist widerspiegelt, der seinen ganz eigenen Idealmaßstab an die Zwecke von Herrschaft anlegt. Diesen sieht die Protestbewegung in der aufgestellten Regierung nicht vertreten und wünscht sich daher eine andere Obrigkeit – eine andere Sorte von Obrigkeit. Ihr Zukunftsmodell besteht nicht darin, dass die da oben gefälligst die Geldnöte und Existenzängste der da unten zu beseitigen hätten. Es wird nicht etwa Arbeitsplatzgarantie und Grundsicherung eingefordert. Das käme wohl eher der Idealvorstellung der Linken entgegen.

Nein, die Neue Rechte fühlt sich als Volk – als doch eigentlich maßgebliche Grundlage des Staates und unverzichtbarer Nährboden der Volkswirtschaft – nicht genügend anerkannt, und sie verbittet sich, dass „volksfremde Elemente“, wozu sie nicht nur Zuwanderer zählt, sondern auch jene, welche die deutsche Leitkultur missachten, zu viel Aufmerksamkeit und Förderung von den Behörden und den etablierten Parteien geschenkt bekommen. Viele gehen sogar gleich davon aus, dass der Machtapparat längst infiltriert und durchsetzt ist mit dem volksfeindlichen, undeutschen Ungeist der Multikulti-Gender-Bewegung. Der Vorwurf lautet also ‚Volksverrat wegen Beleidigung der nationalen Identität‘ – nichts als Moral zum Seligwerden – Manövriermasse von Staat & Kapital will man bleiben – aber als solche „unter sich, unter seinesgleichen“ bleiben!

Freerk Huisken erinnert in seiner „GegenRede 34″ aus dem Jahr 2015 an den Ursprung der besagten Parole und zeigt auf, warum sie weder damals noch heute ein Zeichen von Kritik oder gar des Widerstands gegen die Verhältnisse ist, die den Leuten tatsächlich & tagtäglich das Leben schwer machen. Nebenbei bemerkt Huisken, wie der demokratische Rechtsstaat jeden Inhalt lästiger Klagen von drüben kurzerhand abwimmelt mit dem Verweis, dass die Ossis sich doch jetzt glücklich schätzen dürfen, überhaupt ihren Mund aufmachen zu dürfen – „eine rechte Lehrstunde in Sachen Freiheit und Demokratie“.

:arrow:  Die Karriere der untertänigen Protestparole: Wir sind das Volk!

Meine Parole: I don‘t like Mondays!

Umweltschutz für Imperialismus

Ein Umwelt-Thread wurde angemahnt. Hier ist er.

Brainstorming über Terror, Attentat, Amok

Der Terror rückt immer näher. Wir hatten es in letzter Zeit mit einer Reihe von Selbstmordattentaten und Amokläufen in den Zentren der europäischen Großmächte zu tun, welche die Gemüter der bürgerlichen Politiker und dominierenden Medien erhitzt haben, aber auch den völkischen Protestbewegungen und rechtslastigen Parteien Stoff gegeben haben. Nicht selten ist die Rede von „feigen, blindwütigen, barbarischen Akten“. Sind diese zugeschriebenen Attribute auch zutreffend? Darüber möchte ich in diesem Thread einen freien Gedankenaustausch anregen. Ich selbst habe noch kein genaues Konzept, aber einiges schwebt mir schon im Hinterkopf:

  • die historischen Wurzeln des erweiterten Nahost-Konflikts
  • die Hegemonialansprüche der imperialistischen Mächte
  • die Rolle der wichtigsten Kraftstoffe „Erdöl, Erdgas“ bis heute
  • die Bedeutung des Islams für den eurasischen Terrorkrieg
  • die soziale Bindungsfunktion der antikapitalistischen Religion
  • der Stellenwert von Staat, Gemeinschaft, Familie in Arabien
  • der Terrorismus als Kampf für eine gerechte Sache und
    als panislamistisches Staatsgründungsprojekt

Kurzum: Worin besteht der ideologische Gehalt der praktischen Kritik an der „westlichen Hochkultur“ in Form des Terrors? Was hat es auf sich mit dem nimmer endend wollenden Krieg „Abendland gegen Morgenland“? Trifft hier einfach nur die neue Welt der Aufklärung auf eine überholte Welt des Glaubens?

PS: Da ich kaum noch zum Lesen komme, muss ich mich in die Materie erst wieder reinfinden. Teilweise habe ich den Überblick verloren und es ergeht mir wie in diesem Video:

Switch – Krise in Lampukistan

Vom Wesen und Unwesen des Finanzkapitals

Es gibt weise Systemverweigerer, für die steht das Finanzkapital wieder mal kurz vor dem endgültigen Kollaps. Erstaunlich, wo „wir“ seit dem ersten Crash der New Economy (Dotcom-Blase) ein Fiasko nach dem anderen überstanden haben. Aber für diese Propheten üben Zusammenbruchstheorien nach wie vor ihre Anziehung aus, zumal von einem Aufstand gegen Staat & Kapital weit und breit nichts zu sehen ist – so wie die Zeugen Jehovas schon mehrmals den Weltuntergang vorausgesagt haben, um das Paradies auf Erden in Aussicht stellen zu können. Die Katastrophe überleben natürlich nur die Glaubensanhänger. Träumen die Linkslibertären auch davon? Statt den Teufel an die Wand zu malen und sich an der Apokalypse zu ergötzen, sollte sich vielleicht lieber ein Begriff davon gemacht werden, was es mit dem Kreditwesen überhaupt und seinen Verlaufsformen auf sich hat – warum es einerseits soviel Schaden bis hinein in unser Alltagsleben anrichten kann, anderseits aus dem globalisierten Wettbewerb der multinationalen Konzerne nicht mehr hinweg zu denken ist. In der öffentlichen Meinung bis hin zu der Partei „Die Linke“ wird die Bankenrettung gern in der Weise angeprangert, als ginge es den Politikern darum, die Bankiers zu bereichern statt die wahrhaft Bedürftigen zu unterstützen. Die Nörgler sollten erst mal zur Kenntnis nehmen, dass der Finanzsektor deshalb so viel Fürsorge erfährt, weil er systemrelevant ist.

Banken sind der Motor der Wirtschaft, Kredite sind der Treibstoff des Wachstums; sie finanzieren den Kapitalvorschuss, befreien die Unternehmen von den Schranken ihres Eigentums respektive ihrer liquiden Mittel. Das Kapital reproduziert sich nicht mehr allein aus den Überschüssen, also bloß aus sich selbst heraus. Der Kredit fügt dem Geschäftemachen eine gewaltige Dynamik hinzu durch die Erweiterung – nicht nur einfach mit Geld noch mehr zu machen, sondern – aus Geld, das man eigentlich nicht hat, mehr zu schöpfen als die Summe, welche man den Geldgebern einschließlich Zinsen am Ende zurück zahlen muss. Kredite dienen den Unternehmen nicht zur Überbrückung von Engpässen wie es beim Normalverbraucher üblich ist. Der Kapitalist lebt weit über seine Verhältnisse, um mit den Schulden Geschäfte zu machen; und ohne diesen finanziellen Vorsprung würde er im Gefecht der Konkurrenzgeier auch keine Sonne sehen. Damit dient die Finanzwirtschaft durchaus den Interessen der Realwirtschaft – sie kurbelt den Waren- und Arbeitsmarkt an – womit sich die Entgegensetzung von schaffenden und raffenden Kapital (Kampfbegriffe „Zinsknechtschaft“ und „Hochfinanz“) als verkehrt heraus stellt.

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Geschichten vom Eigentümer

Kalle: „Du, ich habe gerade erfahren, dass ich Eigentümer bin.“
Ziffel: „Mach dich nicht lächerlich! Was besitzt du denn schon groß?“
Kalle: „Mein Körper gehört mir!“
Ziffel: „Das ist doch eine Parole gegen Missbrauch.“
Kalle: „Nein, gar nicht! Mein Körper ist mein Kapital, um mich für eine Stelle bewerben zu können.“
Ziffel: „Also besitzt du dich selbst, um dich gebrauchen zu lassen?“
Kalle: „Moment mal…“
Ziffel: „Und dein Eigentum ist bloß dazu gut, nichts zu besitzen?“
Kalle: „Etwas kriege ich schon zurück!“
Ziffel: „Nicht mehr, als du zum arbeiten benötigst, und so wenig, dass du immer weiter arbeiten musst.“
Kalle: „Kann sein, aber man erzählt mir, das läge mir im Blut und ich hätte stolz darauf zu sein.“
Ziffel: „Willst du das denn wirklich?“
Kalle: „Wer will das schon?“
Ziffel: „Dann lass diese Märchenerzähler doch links liegen.“
Kalle: „Wo du recht hast, hast du recht!“
Ziffel: „Was hast du morgen vor?“
Kalle: „Ich muss beim Jobcenter antanzen.“
Ziffel: „Was willst du denen sagen, wenn die fragen, was du gelernt hast?“
Kalle: „Eigentümer!“
Ziffel: „Haha, guter Witz!“
Kalle: „Prost!“

Off Topic – Alles ist möglich

In diesem Thread kann jeder veröffentlichen, was er mag. Wenn es zu einem anderen Beitrag passt und sachlich ist, werde ich den Kommentar dort einsortieren. Ferner können Kommentare veröffentlicht werden, die der Zensur auf anderen Blogs zum Opfer gefallen sind. Der Alles-ist-möglich-Thread.

Vertrag kommt nicht von Vertragen

Ein kleiner Ausflug in die Juristerei über einen Paragrafen, dessen Inhalt die schädigenden Wirkungen vieler Rechtsinstitute anzugreifen scheint, der aber trotzdem praktisch nie bzw. höchst selten zur Anwendung kommt:

Eine umfassende gesetzliche Regel grenzt die Zulässigkeit von Einschränkungen der Rechte anderer aber auch von fragwürdigen Vertragsinhalten im Vorhinein ein, nämlich das Schikaneverbot (§ 226 BGB): „Die Ausübung eines Rechts ist unzulässig, wenn sie nur den Zweck haben kann, einem anderen Schaden zuzufügen“. Etwaige Vorschriften oder Vereinbarungen wären trotz prinzipiell anerkanntem Schutzinteresse oder Unterschrift und Siegel auf der Stelle nichtig und für niemanden bindend.

Dieses rechtliche Hemmnis beißt sich auf den ersten Blick mit der Lebenswirklichkeit. Die Durchsetzung des Eigentumsrechtes – „Betreten des Grundstücks verboten“ – „Jeder Ladendiebstahl wird verfolgt“ – „Raubkopierer sind schadensersatzpflichtig“ – bedeutet mutwilliger Ausschluss zum Schaden der Bedürftigen, die sich nicht anders zu behelfen wissen. Das lässt sich auch auf die Vertragsfreiheit erweitern. Viele Abschlüsse von Eigentümern mit Verbrauchern etwa über Darlehen, Arbeits- und Mietverhältnisse werden nicht auf Augenhöhe verhandelt und sind von daher keine Win-Win-Geschäfte. Diese „Kontrakte“ nutzen vielmehr die allgemeine Macht- und Mittellosigkeit aus zu einem in Kauf genommenen, ja notwendigen Schaden der Abhängigen, welche wiederum kaum eine andere Wahl haben als darauf einzugehen.

Die Auflösung dieses Widerspruchs ergibt sich durch die Betonung auf dem Wort „nur“. Das genannte Gesetz zielt lediglich auf die reine Schikane ab, wobei eine Seite die Interessen der anderen verletzt, ohne selbst (!) einen nennenswerten Vorteil oder Nutzen davon zu tragen. Das ist die Ironie und das wirklich Bemerkenswerte an der Geschichte, weil dies umgekehrt bedeutet, dass die „übereinstimmenden Willenserklärungen“ der alltäglichen Rechtsgeschäfte durchaus die Beeinträchtigung oder die Benachteiligung eines, eben des unterlegenen Vertragspartners einschließen. Das gilt für die Ausübung „seines guten Rechts“ als Eigentümer per se, welches die Schadensabsicht in sich trägt – aber das ist erlaubt, soweit es dem Eigentum dient.

Von den wahren Gründen der Verarmung

Der Witz von Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie – seine revolutionäre Widerlegung der klassischen Nationalökonomie – scheint an den meisten Liebhabern von Marx vorbei gegangen zu sein, wenn sie die Pauperisierung unserer Tage allein an sinkenden Lebensstandards festmachen und deshalb gar vermissen. Darauf im Allgemeinen, aber auch auf entsprechende Andeutungen in einem anderen Blog, möchte ich an dieser Stelle ausführlich eingehen.

Der Mehrwert und seine in Hinblick auf den globalen Konkurrenzdruck zwangsläufige (!) Optimierung hängen nur noch rudimentär und marginal an „der Verlängerung des Arbeitstags, Überstunden, Akkordarbeit, Stücklohn, Lohnsenkungen“ und was dort sonst noch aufgezählt wurde – das alles ist ein immer wieder mal hervorgekehrter, kurzfristig zündender Impuls des Wachstums, nicht jedoch das nachhaltige, ausschlaggebende Moment. Diese primitiven Rationalisierungen können sich sogar – vor allem in hochtechnisierten Branchen – kontraproduktiv auswirken, weil unzufriedene, unaufmerksame, übermüdete und kränkliche Arbeiter kostenträchtige Produktausreißer oder Produktionsausfälle verschulden, die zudem den öffentlichen Kassen zur Last fallen. Deswegen funkt der ideelle Gesamtkapitalist, der Staat, auch schon mal dazwischen – ebenso mit dem Kartellamt gegen Monopolisierungen und Preisabsprachen, die den ganzen Wettbewerb verderben.

Gesundheitsvorsorge, Krankenversicherung, Krankengeld, Urlaubsentgelt, Arbeitsschutz, Kündigungsschutz, Betriebsräte, Tarifvertragsrecht, Mindestlohn, Arbeitslosenstütze, Elterngeld, Diskriminierungsverbot, Freizügigkeitsgesetz (EU) – all diese staatlichen Eingriffe, Zu- & Absicherungen und Vereinbarungen sorgen vor, dass die Arbeitskraft möglichst weiträumig, umfassend, ergiebig und langlebig verschlissen werden kann, der Staatshaushalt von verwahrlosten, nutzlos gewordenen Kostgängern weitgehend verschont bleibt und die Reichtumsquelle von Staat & Kapital niemals versiegt. Deutschland hat mitnichten vor, zu einem Billiglohnland und Armenhaus als Ganzes zu verkommen, obgleich diese Abteilung hier ein nützliches Schattendasein führt und sich ein Arbeitsmarkt erster und zweiter Klasse entwickelt hat.

Die Anschaffung „besserer Maschinen“ zur „Intensivierung der Arbeitskraft“ und die damit angefeuerte „Produktivitätssteigerung der angewandten Arbeit“, was in dem besagten Blog noch erwähnt wurde, sind da schon eher der Bringer zur Senkung der Lohnstückkosten (Arbeitskosten / Leistung) – der relative folgt dem absoluten Mehrwert auf dem Fuße! Wenn die wöchentliche Arbeitszeit festgeschrieben und der Stundenlohn nur nach oben offen ist, dann muss die Arbeitsleistung innerhalb dieser Zeitabschnitte verdichtet werden, d.h. die für eine bestimmte Produktmenge – zur Reproduktion der Arbeitskraft – notwendige und dementsprechend vergütete Arbeitszeit verkürzt werden zugunsten der unbezahlten, gewinnbringenden Mehrarbeit.

Eine Option ist die Beschleunigung des Fliessbandes oder die Verringerung der Vorgabezeit pro Arbeitsschritt, was aus genannten Gründen nicht mehr das Mittel der Wahl ist, womit nicht durchgestrichen werden soll, dass die Lohnsklaven nach wie vor von ihren Aufsehern gehetzt werden; die Effizienz lässt nur zu wünschen übrig. Die oberste Trumpfkarte ist nun mal die Aufrüstung des technisches Equipments – flexibel steuerbar und anpassbar – und die Förderung des entsprechenden Know-Hows – Kampf der Maschinen! Passend dazu bilden sich Kooperationen von Unternehmen auf gleichartigen Geschäftsfeldern in Form nationaler Fusionierungen, natürlich im marktverträglichen Rahmen („wir müssen schließlich Arbeitsplätze retten“), internationaler Joint Ventures („wir sollten bitteschön Ideen austauschen“) und es wird die Spezialisierungen der Arbeitskräfte auf höchstem Niveau vorangetrieben mit neuartigen Studiengängen, Umschulungen, Fortbildungen und der Anwerbung auswärtiger Akademiker („wir brauchen gefälligst mehr Fachkräfte“).

Die Sache hat nur einen Haken: Zu Anfang der Industrialisierung warst du mit einer Maschine ein gemachter Mann. Um das zu werden, musst du heutzutage einen ganzen Maschinenpark errichten, also von Beginn an mit einem Riesenbatzen Geldkapital einsteigen (weswegen es so schwierig geworden ist, sich selbstständig zu machen). Maschinen an und für sich erzeugen auch keinen Mehrwert – das wäre der Traum jedes Kapitalisten: Maschine hinstellen, abwarten und Champagner trinken. Die technologische Mobilisierung gibt dem Mehrwert lediglich einen kräftigen Schub, indem sich vorerst die Mehrwertrate des Einzelkapitalisten gegenüber den Mitbewerbern erhöht, allerdings mit einer überschaubaren Halbwertzeit. Da die Rivalen gleichziehen und die neuen Wunderwaffen rasch zum Standard werden, nivellieren sich auf Dauer die relativen Profitraten. Überproduktion bzw. Übersättigung des Marktes mit vergegenständlichter Arbeit können sogar zum völligen Einknicken der Gewinn- und Handelsspannen führen und infolge eine Entwertung des gesamten Kapitals auslösen. Nach dem Ausbaden der Krise geht der Tanz ums goldene Kalb wieder von vorne los.

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Tuet Muße im Reich der Notwendigkeit!

Anlässlich des bevorstehenden Osterfestes :mrgreen:
beleuchtet Freerk Huisken, ob die „Muße“ in
unserer Gesellschaft überhaupt noch Raum hat:

Muße

Über die Unterordnung des erlaubten Materialismus
unter kapitalistische Notwendigkeiten

Es gab eine Zeit, in der Adel und Klerus als „Klasse der Müßiggänger“ bezeichnet wurden. Zu tun und zu lassen, was einem beliebt und sich ganz frei von Notwendigkeiten allein privaten Neigungen, Wünschen und Genüssen hinzugeben, kurz: seinen Materialismus zu leben, so etwas wird nur dann zum Etikett einer ganzen „Klasse“, wenn in der Gesellschaft andere „Klassen“ dazu genötigt sind, nicht nur für den eigenen Lebensunterhalt, sondern zugleich noch für den der „Müßiggänger“ zu sorgen. Dabei versteht es sich von selbst – die Rede ist ja vom Feudalismus –, dass die Sorge für das leibliche Wohl und für alle materiellen Voraussetzungen sonstiger mehr oder weniger blöder Neigungen der hohen Herrschaften den dienstbaren Geistern der Gesellschaft wenig Zeit ließ, für sich selbst und die Seinen erstens anständig zu sorgen und zweitens dabei noch freie Zeit für eigene „Muße“ zu erübrigen – vom Kirchgang, erzwungen mit der Androhung jenseitiger Scheußlichkeiten durch die klerikale Abteilung der „Müßiggänger“, einmal abgesehen. Und jede noch so elementare Weiterentwicklung der Produktivkräfte, die an sich eine Sorte Teilung der Lebenszeit in Arbeitszeit und freie Zeit für jedermann erlaubt hätte, bei der die Arbeit nicht das Leben auffrisst, sondern eine Zeit der Muße für alle ermöglicht, wäre unter den feudalen Verhältnissen ohnehin nur der herrschenden „Klasse der Müßiggänger“ zu Gute gekommen.

*

Die Sache mit den Produktivkräften ist mit der Entwicklung des Kapitalismus inzwischen auf einem guten Weg, der jeden feudalen Fortschritt in der Aneignung der Natur durch Arbeit alt aussehen lässt; dummerweise geht der Weg aber – und zwar mit Notwendigkeit – in die verkehrte Richtung. Die Zeit, die es inzwischen für die Herstellung all der Güter braucht, die hierzulande für die individuelle Konsumtion im weitesten Sinne, aber auch für die Produktionsmittel und für staatliche Gebrauchswerte von der Schule, über das Krankenhaus bis hin zu allerhand modernem Tötungsgerät benötigt werden, reduziert sich immer mehr, allerdings ohne dass dadurch die freie, für Muße zur Verfügung stehende Zeit aller Beschäftigten in gleichem Maße zunehmen würde. Dabei – und das gehört zu den brutalen Paradoxien dieser Produktionsweise – gibt es zwar für einen immer größer werdenden Teil der abhängig Beschäftigten jede Menge freie Zeit, doch stellt die für die Betroffenen keinen Grund zu ungetrübter Freude, sondern ein Ärgernis dar. Es ist kein Rätsel, wovon die Rede ist: Arbeitslosigkeit ist gerade nicht die Befreiung von der Mühsal der Arbeit für mehr Muße, sondern steht gerade umgekehrt für die weitere lebenslange Kettung an Lohnarbeit und ihre kapitalistischen Gesetzmäßigkeiten. Der Mensch, der vom Unternehmer seine Papiere erhält, bedankt sich nicht, springt nicht jauchzend mit dem Ruf aus der Fabrik: „Endlich frei, endlich kann ich tun und lassen was ich will!“ Diese Sorte Befreiung von Arbeit ist nämlich gerade nicht Befreiung für selbstbestimmtes „Tun und Lassen“, für freigesetzten Materialismus. Das liegt – wie jedermann bekannt ist – daran, dass der Entlassene mit seiner Freiheit von Arbeit zugleich „befreit“ ist von dem hierzulande alles bestimmenden Lebensmittel, dem Geld. Und damit fehlt es ihm an allem: an Kaufmittel für elementare und gehobene Lebensmittel für sich nebst Familie und erst recht für all das, was er brauchen würde, um „endlich“ in Muße seinen Neigungen ungestört nachgehen zu können…

Den ganzen Beitrag gibt es als PDF-Datei zum Download unter diesem Link:

:arrow:  Über Muße und Notwendigkeiten